...
"Danke, Danke, meine Freunde!"
...
"....Ihr, dort drüben, seit doch so gütig und füllt
das Horn noch einmal mit eurem guten Met auf!
Und du, alter Bursche, wirf doch noch ein wenig Holz ins Feuer, mit
einem kalten Hinterteil erzählt es sich so schlecht!
...
"Oh, ja! Her mit dem Horn! Wollt ihr etwa, daß euer Spielmann
für diesen Abend verdurstet?"
...
"Habt vielen Dank!"
...
"Na schön, na fein, ich will mal nicht so sein!"
"Also, laßt mich euch, werte Zuhörer, die ihr euch in
dieser frischen Frühlingsnacht ums Feuer schart, die Geschichte
eines einfachen, aber kühnen Mannes erzählen:
Sein Name ist Flannagan.
Flannagan Gordunan Mad'Glas."
...
"Ja, ja, ganz recht!
Flannagan wurde in eine einfache luchnische Familie, die, wie alle Familien
der Mad'Glas, weit oben in den Bergen lebte, hineingeboren. Der Vater,
ein stämmiger, eigensinniger Mann namens Gordon, der sich sein
Auskommen mit einer kleinen Herde Corams (so nennen die Luchner ihre
Schafe, müßt ihr wissen) verdiente, sorgte auf Clanstreffen
gerne für Aufruhr und war berüchtigt dafür, sich mit
jedem Luchni seines Clans anzulegen. Er war ein sehr unzufriedener,
verbitterter Mann, der sich nach einem besseren Leben weit weg von den
kargen Weiden und den gefräßigen Luch'nar (das ist das luchnische
Wort für Wolf, so viel ich weiß) sehnte.
Derbhail, Gordons Frau hingegen, war der einzige Grund, warum der sonst
so streitsüchtige Vater Luchnar nicht schon längst den Rücken
gekehrt hatte. Sie hatte feuerrotes Haar und Augen in einem Blau, das
man nur an den seltensten Tagen am Himmel über Luchnar sehen konnte.
Doch vielleicht war es auch genau dieses Blau, was Gordon in der Ferne
suchte.
Nun, wie ich bereits sagte, Gordon war ein sehr dickköpfiges Mannsbild,
und als die Stunde der Geburt seines Kindes endlich gekommen war, weigerte
er sich, Flannagans Mutter Derbhail auf den alten Gaul zu hieven, und
im nächsten Nioch nach einer Hebamme zu fragen. Stattdessen mußte
sein Weib das Kind weit oben in den luchnischen Bergen zur Welt bringen,
im eisigsten Frühlingsregen, den das junge Jahr zustande bringen
konnte.
...
"Nein, mein Junge, der Regen letzte Woche war warm wie frischer
Schafsdung gegen den Regen, den Xurl im Frühling in den luchnischen
Bergen fallen läßt!
Wo war ich stehen geblieben?"
...
"Richtig. Derbhail gebar ihren Sohn also unter großen Schmerzen,
und da niemand zugegen war, der etwas von Geburten verstand, war die
Nacht, in der Flannagan geboren wurde, die letzte, die sie erblickte.
Flannagan jedoch, über und über mit dem Blut seiner Mutter
bedeckt, überlebte die eisige Nacht wie durch ein Wunder."
...
"Eine gute Frage, Weib. Nun, Flannagan ist das luchnische Wort
für Blutrot."
...
"Gordon begrub Derbhail unweit des Ard'Glas und schwor Poena auf
ewig ab - als Rache für den Tod seines geliebten Weibes. Seine
Herde Corams trieb er weiter die Berge hinauf, dorthin, wo niemand ihn
stören konnte. Dort zog er seinen Sohn alleine auf, niemals mehr
besuchte er ein einziges Dorf. Er wollte nur solange bleiben, das schwor
er sich, bis sein Sohn alt genug war, um die Reise in die verheißungsvollen
unerkundeten Lande zu ertragen.
Flannagan hatte die ersten Jahre seiner Kindheit nicht einen Freund.
Zudem war ihm, wie aus Trauer um seine Mutter, die zu kennen ihm verwehrt
blieb, kein einziges Haar auf dem Kopf gewachsen. Ihm blieb viel Zeit
für sich allein, und schon im zarten Alter von 6 Lenzen unternahm
er seine ersten Ausflüge über die zerklüfteten Steilhänge
der luchnischen Berge. Die Schönheit des Landes prägte sich
ihm ein, und Flannagan schloß Luchnar für immer und ewig
in sein Herz.
Schon zwei Jahre später, als die Schafseuche fast die ganze Herde
dahingerafft hatte, entschloß sich Gordon, seinen Schwur einzulösen
und Luchnar zu verlassen. Er packte sein letztes Hab und Gut, vergrub
sein Tiorquh neben dem Grab seines Weibes und trieb den kläglichen
Rest seiner einst stolzen Herde gen Osten, um sie an den Ufern des Brazach
zu verscherbeln."
...
"Grundgütiger! Ihr fragt mir vielleicht Löcher in den
Bauch! Der Tiorquh ist eine silberne Halskette, die jeden Luchna mit
dem Land und dessen Geistern verbindet."
...
"Jedenfalls.....
Gemeinsam bestiegen die beiden schließlich eins der Schiffe, das
den mächtigen Fluß Brazach hinaufsegelte, Gordons kühnsten
Träumen und Hoffnungen entgegen.
Unterwegs schlossen sich die beiden einem Troß mehrerer Menschen
an, die ebenfalls die unerkundeten Lande nördlich des Parimawaldes
erschließen wollten. Auch sie waren aus Luchnar gekommen - und
obwohl sich alle dieser Pioniere einig waren, daß ihre Heimat
ein häßliches Land sei, konnte der kleine glatzköpfige
Junge namens Flannagan den wunderbaren Ausblick vom Fuße des Ard'Glas,
der sich ihm geboten hatte, wenn der Nebel in den Niederungen lag, nicht
vergessen. Unter diesen Leuten, die alle dasselbe Ziel vor Augen hatten,
fanden Flannagan und Gordon schließlich die ersten Freunde ihres
Lebens. Wie geplant landeten die Schiffe weit im Norden, wo der Brazach
nicht mehr schiffbar ist, und die Familien setzten ihren Weg Richtung
Osten fort. Dort, unweit des Parimawaldes, ließen sie sich nieder,
um seßhaft zu werden. Gordon, von großer Statur, zielstrebig
und erfahren, wurde zum Oberhaupt der Siedler erwählt. Er ließ
sie Hütten bauen, Wege ebnen und das fruchtbare Land urbar machen.
Flannagan wuchs indes zu einem stattlichen Mann heran. Sein Vater hatte
ihn über die Jahre hinweg die Kunst des Kampfes gelehrt, weshalb
er bald zu einem angesehenen Claidheamh in der Siedlung wurde.
So gingen die Jahre ins Land, das Dorf wuchs und erblühte.
Schließlich kam der Tag, an dem Flannagan mit einigen seiner besten
Kumpanen auf Erkundungszug im Parimawald war, denn es wurde Holz zum
Hüttenbau benötigt, und man war übereingekommen, ein
Sägewerk zu errichten.
Nach vier Tagen hatten die Männer schließlich eine geeignete
Stelle gefunden und entschieden sich, am nächsten Morgen zurück
in die Siedlung zu wandern, um es den anderen zu berichten. In der Nacht,
als alle Männer schliefen, wurde Flannagan von einem Geräusch
geweckt. Zunächst hielt er es für einen Hirsch auf der Flucht
vor Wölfen, doch irgend etwas beunruhigte ihn. Getrieben von Neugier
und Furcht hing er sich das alte Claymore seines Vaters um und folgte
den Geräuschen, nachdem er einen seiner Kameraden zur Wache geweckt
hatte.
Er ging den sonderbaren Lauten immer tiefer in den Wald hinterher. Sie
bewegten sich im einen Moment um ihn herum, dann schienen sie wieder
stillzustehen, mal nah, mal fern. Plötzlich, als Flannagan weit,
vielleicht zu weit in den Wald vorgedrungen war, kamen die Geräusche
mit rasender Geschwindigkeit näher. Eine namenlose Angst stieg
in Flannagan auf, und er lief in blinder Panik um sein Leben. Nach einer
langen Jagd, in der er sich nicht getraute, seinen Blick nach hinten
zu wenden, stolperte Flannagan über eine Leiche. Es war sein Kamerad
Fyodor, in der Körpermitte zerteilt.
In seinem Kopf stieg wieder das Schreckgespenst auf, das in den Erzählungen
Unwissender, die den Aberglauben innerhalb des Dorfes geschürt
hatten, immer wieder erwähnt wurde, und das seit der Ankunft der
Pioniere über der Siedlung hing wie ein Henkersbeil: Quez-Selatan.
Niemand der Siedler schien zu wissen, daß die den Menschen wohlgesonnenen
Quez-Selatan längst aus diesem kleinen Teil des Waldes vertrieben
worden waren.
Alle Kameraden Flannagans waren getötet, nein, geschlachtet worden,
manche hingen auf den Bäumen, erhängt an ihren....
..doch......
....genug der Ausführungen, es sind schließlich Kinder hier.
Flannagan stellte sich seinem Schicksal, zog das alte Schwert seines
Vaters und wartete auf seinen Tod. Doch was immer ihn verfolgt hatte,
es war bereits verschwunden. Hals über Kopf brach Flannagan auf,
um den Siedlern vom drohenden Unheil zu berichten. Als er nach einer
zweitägigen Hatz ohne Rast und Proviant im Dorf ankam, waren alle
Dorfbewohner wie vom Erdboden verschwunden. Die Herdfeuer glühten
noch, und hie und da standen sogar noch warme Mahlzeiten auf dem Tisch.
Ohne zu rasten oder etwas zu sich zu nehmen schwang sich Flannagan auf
ein Pferd, das weit draußen auf einer Weide vom Überfall
verschont geblieben war, und ritt zurück in den Parimawald. Das
Pferd stolperte über die erste Wurzel im Wald und brach sich das
Genick. Flannagan machte sich auf, um nach den Familien zu suchen, durchstreifte
den Wald, ohne etwas zu finden. Bald wurde er wieder von schrecklichen
Ängsten heimgesucht und gejagt, und das über die Jahre hinweg,
doch Flannagan gab nicht auf. Er suchte und suchte unermüdlich
weiter, fand aber nie mehr als einige Körperteile, die in den Bäumen
hingen. Als Flannagan schließlich aufgeben wollte, von den Quez-Selatan,
wie er glaubte, beinahe in den Wahnsinn getrieben, bemerkte er, daß
er keinen Weg aus dem Wald fand. Er war gefangen, und verdammt dazu,
den Rest seines Lebens damit zu verbringen, unter Bäumen zu schlafen
und sich von Ungeziefer zu ernähren.
Als er eines Nachts auf einem Baum auf der Lauer saß, um nach
Rehen zu jagen, hörte Flannagan Geschrei. Er folgte den Lauten,
in der Hoffnung, endlich doch das zu finden, wonach er all die Jahre
gesucht hatte. Er fand auf einer Lichtung eine Bande von Orks, die sich
einen Spaß daraus machten, ein paar Menschen zu quälen. Überzeugt
davon, endlich die Quez-Selatan gefunden zu haben, zog Flannagan sein
Claymore und stürmte auf die Bande los. Die Gefangenen indes hatten
sich befreien können, und gemeinsam töteten sie die Orks.
Unter den Gefangenen war auch ein Zauberer, der den Weg aus dem Wald
durch Magie fand, und für diese Hilfe schwor Flannagan der Gruppe
ewige Treue.
Im ersten Dorf, das die Sieben erreicht hatten, ließ sich Flannagan
einen Cihlt schneidern, um für immer Trauer um das gesamte Dorf,
das ausgelöscht worden war, zu zeigen.
Noch immer zieht Flannagan mit dieser Gruppe durch die Lande, unter
ihnen befindet sich noch immer der Magier aus Dracconia, der den Weg
aus dem Wald fand. Des weiteren ziehen mit Flannagan ein finstrer maskierter
Geselle namens Morserek, ein edelmütiger Ritter mit Namen Gizburne,
ein zwielichtiger Bursche mit feuerrotem Haar, den alle Kylen nennen,
und noch zwei weitere, von denen ich bisher wenig hörte. Zusammen
nannten sich die sieben Gefährten, die das Schicksal zusammengeführt
hatte, die Allianz Der Sechs Schwüre. Lange zogen sie gemeinsam
umher, nur ihr eiserner Zusammenhalt bewahrte sie von einem einsamen
Tod.
Vor etwa einem Jahr, als die Allianz auf ihrer endlosen Reise auf Burg
Tatzelfels, wo gerade das alljährliche Metfest stattfand, ankam,
lernte Flannagan zum ersten mal einen Haufen waschechte Luchner kennen.
Zunächst blieb er ihnen gegenüber mißtrauisch, man hatte
ihm in der Siedlung immer wieder eingebläut, daß in Luchnar
nur Briganten lebten, doch die gemeinsame Sache gegen die Handlanger
des Ceriden Karr, die das Methfest gesprengt hatten, ließ keine
Zeit für Mißtrauen. Schnell schloß Flannagan mit Sean,
Connor, Llewin sowie Colwin Freundschaft, eine Erfahrung, die er bisher
viel zu selten gemacht hatte, und beim Abschied kam man überein,
sich bald wiederzusehen.
In der Hoffnung, Prinzessin Syria Jaldis würde für Hilfe auf
der Suche nach Burg Talwacht ein paar Dukaten springen lassen, begleitete
die Allianz der sechs Schwüre das königliche Gefolge an die
Grenze des Parimawaldes. Dort traf Flannagan erneut auf seine 4 luchnischen
Freunde, die ihm vom Ödlandfeldzug berichteten, und Flannagan beschloß,
für das Land, das er seit mehr als 15 Jahren nicht mehr gesehen
hatte, in den Krieg zu ziehen. Er machte sich auf, um sich auf dem 5.
Heligonischen Adelstag persönlich bei Baron Koldewaiht von Hautzenstein,"
...
"ihr wißt doch, der derzeitige Herrscher Luchnars"
...
"ganz Recht, doch ich glaube in einer Taverne zu Betis erfahren
zu haben, daß dieser Fluch bereits gebannt worden ist. Wie
auch immer, Flannagan meldete sich bei besagtem Baron, der ihn,
besorgt um sein Volk und gütig, wie es seine Art ist, über
die Ödlandfeldzüge aufklärte. Endlich erfuhr Flannagan
auch, das es sich nicht um die Quez-Selatan gehandelt haben konnte,
die dereinst seine Idylle vernichtet hatten. Um sein Heimatland
zu verteidigen und das Geheimnis um die Ereignisse im Parimawald
zu lüften, brach Flannagan erneut gen Norden auf, so wie
es vor mehr als 15 Lenzen ein gebrochener, aber entschlossener
Luchna namens Gordon getan hatte.
Flannagans Brieftaube
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